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1. Elektrische Bahn Mödling-Hinterbrühl

Der unter Leitung des Bürgermeisters Josef Schöffel erfolgte Aufschwung Mödlings bewirkte, dass Mödling sowie die Vorder- und Hinterbrühl immer mehr als Sommerfrischeorte der Wiener gewählt wurden. Viele Willen und Sommerhäuser entstanden und wurden auch zum Teil ganzjährig bewohnt; die sesshafte Bevölkerung nahm zu. Die Bevölkerungszunahme veranlasste den weitblickenden und unternehmungslustigen damaligen Generaldirektor der Südbahn Friedrich Schüler, den Bau einer elektrischen Bahn als Zubringerbahn  zur Südbahnhauptstrecke zu erwägen und es wurde ein Ansuchen um die Erteilung einer Konzession an das Handelsministerium gerichtet. Bereits 1882 wurde die Konzession erteilt.

Im gleichen Jahre wurde mit dem Bau der Teilstrecke Mödling-Klausen begonnen, und bereits am 22. Oktober 1883 befuhr der erste elektrisch betriebene Wagen diese Strecke.
Mit der Inbetriebnahme der ersten Teilstrecke der Mödling-Hinterbrühler Lokalbahn am 22. Oktober 1883 begann das Zeitalter der elektrischen Bahnen in Österreich. Schauplatz dieser Premiere war mein kleines Wienerwaldstädtchen Mödling, wo zunächst auf einer etwa 1.5 km langen Strecke täglich 20 Züge verkehrten.
Fertig gestellt wurde diese erste elektrische Bahnlinie Österreichs am 14. 7. 1885 mit dem 3. und letzten Teilstück Vorderbrühl-Hinterbrühl. Die eingleisige, mit 3 Ausweichen versehene Strecke war somit 4.5 km lang, der Fuhrpark umfasste
8 Trieb- und 7 Beiwagen.
Für den Bahnbau und allen zugehörigen Einrichtungen betrugen 520.000 Gulden; es entfallen auf den Kilometer mithin 116.324 Gulden.
Die Auslastung der Bahn war sehr gut und erreichte nach den Kriegsjahren im Jahre 1926 mit 944.300 Fahrgästen einen absoluten Rekord.
Indessen waren die Autobusse modisches Beförderungsmittel geworden. Die gleiche Strecke Mödling-Hinterbrühl wurde nun
auf der Straße von der "Lobeg" (Abkürzung Lokal-Omnibus Betriebs-Gesellschaft) befahren. Es ist selbstverständlich, dass sich in den verkehrsschwachen Tagesstunden die Führung von Zügen nicht mehr lohnte.
Die Autobusse waren auch besser zu erreichen, da deren Haltestellen in den Straßen lagen. Zu den Haltestellen der Straßenbahn waren oft lange Anmarschwege notwendig, da sie durchwegs abseits der Straße zu finden waren.
Somit wurde der Betrieb unrentabel und musste im Zuge den allgemeinen Sparmaßnahmen bei den Bahnen eingestellt werden. Der letzte Zug wurde von der Hinterbrühl am 31. März 1932 um 22 Uhr 26 Min. abgefahren und von demselben Triebwagenführer gesteuert, der die erste Fahrt
Mödling-Klausen im Jahre 1883 durchgeführt hat.

Ein Flugzettel erinnert noch daran, in dem es heißt:

Donnerstag, den 31. März 1932, um 10.26 Uhr nachts, fährt der letzte Zug der elektrischen Straßenbahn von der  Endstation Hinterbrühl nach Mödling.
                                                      
Um unsere liebe, gute, alte Straßenbahn nicht ungeleitet ihre letzte Fahrt tun zu lassen, laden wir alle Mödlinger ein, diese Trauerfeier mitzubegehen und entweder bei der Abfahrt zugegen zu sein oder während der Fahrt der Strecke entlang sich vom Zuge durch Zurufe und Tücherschwenken zu verabschieden.
Es soll dies zugleich ein letzter Protest sein gegen die diktierte Einstellung der uns allen liebgewordenen Bahn."

  Es erschien auch eine heitere Parte mit folgendem Inhalt:

 

 

 


       Der unerforschliche Ratschluß einer hochweisen Bundes-
       bahndirektion hat es bestimmt, unsere liebe, gute, alte

 STRASSENBAHN MÖDLING — HINTERBRÜHL

nach einem verkehrsreichen Leben, das stests nur dem Fortkommen
ihrer ungezählten Zeitgenossen gewidmet war, noch nicht 50 Jahre alt, nach längerem Siechtum an den Folgen des wirtschaftlichen Klimakteriums für immer von uns zu nehmen und so vor dem unrühmlichen Ende zu bewahren, durch eine andere als bürokratische Entgleisung in den ewigen Ruhestand versetzt zu werden.

Die uns so unerwartet plötzlich entrissene "Elektrische" wird am
31. März 1932 um 10.26 nachts von der Endstation Hinterbrühl aus
nach Mödling gebracht und hier auf dem Friedhof der Vergessenheit
(Abteilung Alteisen) beigesetzt.
Eine stille Wiener Frühjahrsmesse wird am 1. April, dem Feiertag der
Narren, auf allen Bahnhofsteigen von Mödling bis Hinterbrühl zum
Gedächtnis für die aus einem rastlosen Dasein in den Frieden des Verrostens eingegangene Elektrische gelesen werden.

   Mödling — Hinterbrühl, am 31. März 1932

  Im Namen aller Leidtragenden:

 

 Lobeg
als Stiefschwester.
Medelicha und Briel
    als Großeltern.
 
Frantischek Insolvenzl
als Onkel.
Defizita
als Tante.

 

Bundesbahn-Dir. N. Achbaur
als Vater.
Concursula Gebrechlichkeit
als Mutter.
und sämtliche Haltestellen, Maste, Wechsel, Ausweichen,
Geleise, Schwellen und Schottersteine
als nächste Angehörige.

Beileidskundgebungen werden von der Amssstelle für
Verhinderung des Fremdenverkehrs dankend abgelehnt.

 

 

Die Mödlinger Lokomotivfabrik war einer der kurzlebigsten Industriebetriebe Österreich-Ungarns, die sich mit dem Lokomotivbau befassten. Sie wurde 1873 gegründet, stellte aber bereits zwei Jahre später auf Grund der Weltwirtschaftskrise die Lokomotivproduktion ein und beendete ihre Existenz.
Die Lokomotivfabrik produzierte daneben auch Waggons und andere Maschinen erzeugt. Auf alten Karten wird die am Mödlingbach gelegene Fabrik auch öfter auch als Lokomotiv- und Waggonfabrik oder nur Waggonfabrik bezeichnet.
Es wurden nur 40 Lokomotiven gebaut, von denen aber kein Exemplar mehr erhalten ist. In dem stillgelegten Werk wurde später von Alfred Fränkel – einem Onkel des Großvaters von John Kerry – eine Schuhfabrik errichtet. Der Standort war an der Stelle, an der heute die Bezirkshauptmannschaft steht.
Zeitgleich mit der Gründung des Unternehmens wurde auch eine Arbeitersiedlung mit über 30 Häusern errichtet. Diese Siedlung, die später auch als Kolonie oder auf Grund der späteren Schuhfabrik als Schusterhäuser bezeichnet wird, steht heute noch und steht seit 1979 unter Ensembleschutz.

Quelle:

H.R. Figlhuber: Die Mödlinger Lokomotivfabrik 1873-1875, Lokomotivbau in Mödling.